Konservative Ängste und Scheinheiligkeiten.
Thomas Jakl schreibt in der Presse einen Gastkommentar, der den Nerv mancher Konservativer trifft, die zunehmend sich in einer Sackgasse befinden.
Sie sehen ihre Felle davonschwimmen und werden aggressiv. Sie werden deuten Begriffe wie es die Faschisten machen um und werden in ihrer Aggressivität zu einer Gefahr für die Demokratie.
Die Attacken auf das verhasste „Gutmenschentum“ werden immer wütender und aggressiver. „Vernünftig“ und „aufgeklärt“ ist bei diesen Rundumschlägen nichts.
Thomas Jakl schreibt:
Sie sind ja mittlerweile nahezu austauschbar geworden, die Presseaussendungen und so manche Leitartikel oder Kommentare aus dem konservativen Lager. Stets werden die gleichen Elemente eines Feindbilds skizziert, das in einer Gesamtschau dann die Hauptkonturen des verhassten „Gutmenschentums“ oder – mit süffisant elitärem Touch – auch „Justemilieu“ erkennen lässt.
Klimaaktivisten, Naturschützerinnen, Vertreter einer humanen Flüchtlingspolitik, Befürworterinnen der Diversität, Offenheit und Toleranz (auch in der Kirche), Kritiker des ungezügelten Kapitalismus – sie alle kriegen ihr Fett ab und werden von den konservativen Stimmen pauschalierend durch den Kakao gezogen. Nun, dies ist ein freies Land – und das schließt natürlich Meinungsfreiheit ein. Die Haltungen und Einstellungen des konservativen Lagers sind, selbst wenn man sie aus vollem Herzen ablehnt, als legitim zu akzeptieren.
Die Sprache der Konservativen verfestigt sich jedoch auf einem derartig zunehmend repetitiv-aggressiven Niveau, dass ich den Eindruck habe, diese Autorinnen und Autoren haben wirklich Angst. Sie fürchten um etwas oder fürchten sich vor jemandem. Oder sie werden immer lauter, um etwas von sich wegzuschreien.
Peinliche Larmoyanz
Denn es wird ihnen offenbar zunehmend bewusst, dass ihr verklärt-bemühtes Selbstbild als „vernünftige, aufgeklärte Humanisten“ (so eine dieser Stimmen) oder gar als deklarierte „Christen“ mit ihren Haltungen einfach nicht mehr vereinbar ist. Das wäre dann wohl die Furcht vor dem Verlust einer Larve, die als solche offensichtlich wird. Das tut natürlich weh und macht wütend und laut.
In einem vom konservativen Lager heftig beklatschten Beitrag in der „Neuen Zürcher Zeitung“ beklagt der ehemalige Herausgeber der „FAZ“ Hugo Müller-Vogg: „Wer gegen eine Frauenquote oder das Gendern argumentiert, wer nicht unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen möchte, wer sich gegen eine noch höhere Besteuerung der Reichen ausspricht oder es gar wagt, dem Klimaschutz nicht eindeutig Priorität gegenüber der Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen und der Sicherung von Arbeitsplätzen einzuräumen, der hat einen schweren Stand. Schlimmer noch: Er wird von vielen Medien ausgegrenzt.“
Eine seltsame Mischung aus absurder Überzeichnung und peinlicher Larmoyanz. Später im Text schimmert dann auch die Angst durch: Die freiheitliche, pluralistische Gesellschaft gelte es zu schützen, den „liberalen Kern der Demokratie“. Hier wird die scheinheilige Janusköpfigkeit schon recht deutlich spürbar.
Thomas Jakl (* 1965) ist Biologe und Erdwissenschaftler. Er arbeitete bis 1991 an der Uni Wien, wechselte dann ins Umweltministerium. Inzwischen ist er in leitenden Funktionen im Bereich des Umweltschutzes in verschiedenen nationalen und internationalen Institutionen tätig. U. a. ist er Mitglied des Vorstands des Forums Wissenschaft und Umwelt..
Die radikalen Auswüchse des „Genderns“, die zu einer absurden Sprachverstümmelung führen – das ist doch eigentlich die Spielwiese einiger weniger Effekthascherinnen und Sympathisanten. Wer sich aber generell einer geschlechtergerechten, sensiblen Ausdrucksweise, die der Sprache ihre Seele lässt, verschließt, hat einfach den Zug verpasst. Und aus meiner Sicht hat er auch das Recht verloren, in der Beschreibung seines Selbstbilds Begriffe wie „modern“, „tolerant“, „weltoffen“ oder „freiheitlich“ zu verwenden. Man kann nicht zugleich Macho sein und von allen lieb gehabt werden wollen. Sorry.
Protest und Formen des zivilen Ungehorsams sind (so die Aktionen „im Rahmen“ bleiben) legitime Formen des Artikulierens in einer liberalen Demokratie. Führen diese Aktionen zu massiven Sachbeschädigungen oder gar zu echten Gefährdungen, wird dieser Rahmen sicher verlassen.
Die Botschaft der Proteste
Katastrophenmeldungen zum Klimawandel im Stakkato-Takt, eine zunehmend erdrückende Last bedrohlicher Befunde – das macht etwas mit jungen Menschen. Ihren Aufschrei als unreflektiertes Herbeiwünschen einer Klimadiktatur zu qualifizieren wird ihren Sorgen nicht gerecht. Wirtschaftlicher Erfolg und Arbeitsplatzsicherheit müssen eben um den Wert der Umweltverträglichkeit in unserem Gesellschaftsvertrag ergänzt werden. Und zwar rasch, glaubwürdig und effektiv. Das ist es, was die Aktivistinnen einmahnen, das ist die Botschaft der Proteste.
Wenn nun Repräsentantinnen des konservativen Spektrums dies als dumpfes, unreflektiertes Geschrei von extremistischen Aktionisten abtun, so ist das ihr gutes Recht. Aber als „aufgeschlossen“, „verständnisvoll“, „reflektiert“, „empathisch“ oder gar als „ökologisch engagiert“ oder „umweltbewusst“ sollten sie sich, wenn sie sich noch in den Spiegel schauen können wollen, lieber nicht mehr bezeichnen.
Wer hat denn in den vergangenen Jahren ernsthaft vertreten, dass unser Land „unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen“ solle? Das ist doch völlig absurd! In diese Ecke drängt aber das konservative Lager all jene, die angesichts der Leichen Ertrunkener, die an Europas Strände gespült werden, oder angesichts der Bilder von verprügelten, verstörten Umherirrenden all jene Kräfte unterstützen, die hier um Lösungen ringen.
Selbstverliebte Konservative
Dass die Migrationsfrage neuer Lösungsansätze bedarf, ist Konsens. Da braucht man die widerliche Angstfratze der „Umvolkung“ gar nicht zu strapazieren. Wer aber verächtlich auf jene herabblickt, die Menschenrechte geachtet sehen wollen, die Verfolgten und Bedrohten die Hand reichen wollen, die sich mit den alltäglichen Dramen und hässlichen Bildern nicht abfinden möchten, von dem verlange ich zumindest die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, zu seiner Haltung zu stehen. Aber Attribute wie „humanistisch“, „human“, „sozial“ oder gar „christlich“ sollten in den Selbstbeschreibungen der Betroffenen nicht vorkommen.
„Vernünftig“ und „aufgeklärt“ – so selbstverliebt sehen sie sich ja auch so gern, die Konservativen. Was heißt denn das eigentlich? Vielleicht so: „Schauts. Es gibt Manderln und Weiberln – alles andere ist ein Schmafu.“ Oder: „Die Familie besteht aus Vater, Mutter und deren gemeinsamen Kindern. Punkt.“ Vielleicht auch so: „Das Arbeitspapier zum synodalen Weg von Papst Franziskus stellt die Weihe von Diakoninnen und die Möglichkeit verheirateter Priester zur Diskussion. Ein fataler Irrweg ohne Zukunft.“
Aus der Zeit gefallen
Dann könnte man noch viele Beispiele anführen, in denen man sich darüber mokiert, dunkle Flecken in der Biografie historischer Personen aufzubereiten, oder Statements, dass man es sich natürlich nicht verbieten lassen werde, althergebrachte Begriffe weiter zu verwenden, auch wenn ihre Verwendung manche verletzen oder irritieren mag.
Das wirkt zwar mittlerweile völlig aus der Zeit gefallen, aber bitte: Man kann die historisch-soziologische Faktenlage ebenso wie das vorhandene Meinungsspektrum zu diesen Fragen ignorieren („Diese Wokeness! Pfui Teufel“) und einfach in seiner Meinungsblase und auf seinem Standpunkt verharren. Das ist zwar kaum vernünftig, sondern eher verdüstert, vernebelt und verbohrt – aber eines sicher nicht: aufgeklärt.
