Papa Franziskus: Kain, wo ist dein Bruder? Die Moral in Zeiten der Erhitzung

Der Ethiker und Moralphilosoph Josef Bordat beschäftigt sich seit Jahren mit der Moral in der Klimakrise. Ein zentrales Rundschreiben von Papst Franziskus war Laudato Si‘. Bordat schreibt in seiner Untersuchtung „Zur Konzeption von Verantwortung und Technik in Laudato si‘“ über den zentralen Begriff „Verantwortung“ und stellt die Frage, ob dies nicht zu einer Überforderung des Menschen und eine uneinlösbare Verantwortungshybris kommen kann. Interessant ist die Lösung.

Josef Bordat: „Seit dem Versagen Kains in der Sorge um seinen Bruder Abel („Bin ich der Hüter meines Bruders?“, Gen 4, 9) und der damit grob missachteten Pflicht des Menschen gegenüber Gott ist die Verantwortung auch ein Kernkonzept für eine Moralität, die in jüdisch-christlicher Tradition steht – immer mit der Grenze, dass dem Menschen nicht zugemutet werden darf, in seinem „Hüteramt“ die Gebote Gottes zu brechen.“

Wer hat konkret die Verantwortung?

Josef Bordat: „Hier holt Papst Franziskus in Laudato si‘ den Begriff ab: Analog zum Liebesgebot lassen sich die Verantwortung gegenüber Gott, gegenüber dem Nächsten und gegenüber mir selbst unterscheiden, wobei mit der Verantwortung gegenüber den Mitmenschen, die noch gar nicht leben (im Zuge der so genannten „intergenerationalen Gerechtigkeit“) rasch das besagte Problem der Überforderung auftritt. Wie geht Franziskus damit um? Der Papst sieht die Verantwortung zunächst als eine Haltung, die Einzelne eingedenk konkret erfahrbarer Not annehmen sollen. So braucht es „Dramen unserer Brüder und Schwestern“ (Nr. 25), so wird Verantwortung „zugewiesen“ von denen, die hier und jetzt „die schlimmsten Folgen zu tragen haben“ (Nr. 161) oder auch die Gefahr des Aussterbens bereits existierender Arten (Nr. 42), um das Verantwortungsbewusstsein (oder auch das „Verantwortungsgefühl“, Nr. 25) zu wecken, so werden spezifische „Verantwortungsträger“ benannt, die zum Handeln aufgerufen sind (Nr. 129, Nr. 135), insbesondere der „Politiker“ (Nr. 181) oder der „Verbraucher“ (Nr. 206). Hier geschieht eine konkrete Zuschreibung, die zu überschaubaren Verantwortlichkeitsstrukturen führt.“

In der Verantwortung vor Gott, dem die Erde gehört, sind wir eingebunden. Auch wenn die Klimawandelfolgen später eintreten?

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